• Alexandra Endres

Daniel Ortega ist nicht mehr unantastbar

Apr 21

Aus brennenden Reifen steigt schwarzer Rauch. Flammen schlagen aus Häusern, über den Straßen wabern Tränengasschwaden. Vermummte Demonstranten suchen Deckung hinter Mauern und Schildern, sie werfen Steine und Molotowcocktails; Polizisten schießen – angeblich mit Gummikugeln – zurück. Ein Mönch und eine Nonne versuchen, im Chaos zu vermitteln. Sanitäter kümmern sich um blutende Verletzte. Ein 15-jähriger Junge soll unter ihren Händen gestorben sein.

Die Bilder und Nachrichten, die seit Mittwoch aus Nicaragua kommen, zeigen, wie die Gewalt in dem zentralamerikanischen Land eskaliert. Insgesamt gab es wohl mindestens ein Dutzend Tote. Viele Menschen wurden verletzt. Die Regierung schickt gegen die Proteste nicht nur Polizisten, sondern auch vermummte Schlägertrupps – und inzwischen offenbar auch Soldaten: Fotos, welche die Tageszeitung La Prensa und der Nachrichtenkanal100% Noticias auf Twitter verbreiten, zeigen Uniformierte in der Stadt Estelí und anderen Orten des Landes, wie die beiden Medien berichten. Auch der Radiosender ABC zeigte – auf Facebook – Fotos von Soldaten in Estelí. Unbestätigten Informationen zufolge rollen in Managua und anderswo auch Panzer.

Der Kreuzweg der Migranten

Apr 4

Sie sagen, sie befänden sich auf einem Kreuzweg. Aber es sind keine religiösen Pilger, sondern Migranten, eine große Gruppe aus über tausend, manchen Medien zufolge sogar 1.500 Personen. Zu ihr gehören Männer, Frauen, allein reisende Kinder, Junge und Alte, Kräftige und körperlich Schwache, aus Honduras, El Salvador, Nicaragua und Guatemala. Sie wandern zu Fuß durch den Süden Mexikos, auf der Flucht vor Gewalt, Armut und Aussichtslosigkeit, und sie hoffen auf Asyl oder zumindest die Anerkennung als Flüchtlinge. Manche wollen in Mexiko bleiben. Andere zieht es in die USA.

„Sie sagen, hier kann man leben“: Warum so viele Menschen aus Zentralamerika nach Mexiko fliehen

Mrz 28

Es herrscht kein Krieg in El Salvador, Honduras und Guatemala. Zumindest nicht so, wie Krieg herrscht in Syrien oder im Jemen: Es fallen keine Bomben, und keine Panzer rollen über die Straßen.

Trotzdem ist in den drei Ländern Zentralamerikas niemand seines Lebens sicher. Die Gangs kontrollieren die Region, sie handeln mit Drogen, erpressen Schutzgeld, entführen Geschäftsleute und zwingen die Söhne der Nachbarn, für sie zu arbeiten. Die Töchter sind Freiwild für sie. Wenn Eltern versuchen, ihre Kinder zu schützen; wenn irgend jemand sich wehrt, den Bossen widerspricht oder sonst einen Fehler begeht, dann wird er umgebracht – oder muss um sein Leben rennen.

Es gibt viele Marielle Francos

Mrz 23

Nach ihrem gewaltsamen Tod wurde die Stadträtin aus Rio weltweit bekannt. Sie ist nicht die Einzige, die umgebracht wurde, weil sie für eine bessere Welt kämpfte.

Es gibt eine Redensart, angeblich stammt sie aus Mexiko: „Sie wollten uns begraben. Aber sie wussten nicht, dass wir Samen waren.“ Sie gilt für viele, die wegen ihres Engagements – für die Umwelt, für Menschenrechte, für Indigene, Schwarze, Frauen, Arme – umgebracht wurden; die ermordet wurden, weil sie den Mächtigen lästig waren, aber dann, mit ihrem Tod, größeren Einfluss entfalteten als zuvor.

Offensichtlich war Marielle Franco so jemand. Bevor die linke Stadträtin und Menschenrechtsaktivistin am Abend des 14. April in Rio de Janeiro erschossen wurde, kannten sie außerhalb Brasiliens nicht viele, doch durch ihren gewaltsamen Tod wurde die Welt auf sie aufmerksam.

Anne-Klein-Frauenpreis für Jineth Bedoya und Angarita Robles

Mrz 4

Es ist eine verdiente Auszeichnung: Mayerlis Angarita Robles und Jineth Bedoya Lima haben den Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten: für ihren Kampf um die Rechte der Frauen in ihrer Heimat Kolumbien.

Wie die Stiftung erklärt, setzt sich Mayerlis Angarita seit Jahren für die Landrückgabe an zwangs­ver­triebene Frauen in der kolumbianischen Region Montes de Maria ein, wo sie 2000 das Frauenkollektiv „Narrar para Vivir“ (Erzählen um zu leben) gründete. Sie überlebte zwei Mordanschläge und setzte sich 2011 für die Schaffung eines Gesetzes für die Opfer des bewaffneten Konfliktes ein. Außerdem war sie an den Friedensverhandlungen in Havanna beteiligt und engagiert sich für die Umsetzung des Friedensvertrags.

Das Erbe Pablo Escobars

Mrz 4

Vor 25 Jahren wurde Pablo Escobar, Chef des Medellín-Kartells, von der Polizei erschossen. Manche in Kolumbien verehren den Drogenboss und Mörder immer noch als Helden, trotz seiner Verbrechen. Durch die Netflix-Serie „Narcos“ ist seine Popularität zuletzt noch gestiegen – nicht unbedingt zur Freude von Escobars Opfern und ihren Angehörigen (und vieler Politiker in Medellín. Denn die arbeiten mit viel Geld und Einsatz daran, der Welt zu zeigen, wie sehr sich ihre Stadt zum Guten gewandelt habe).

Jon Lee Anderson, Reporter des New Yorker, war zu Besuch in Medellín und schreibt über das mindestens ambivalente Verhältnis der Stadt und ihrer Bürger zu Pablo Escobar – und darüber, welches Erbe der Kartellchef hinterlassen hat. Das ist lesenswert, denn vieles, was Anderson beschreibt, kommt nicht nur in Kolumbien vor, sondern so gut wie überall: zum Beispiel, dass gewalttätige Outlaws eine morbide Faszination auf so viele Menschen ausüben.

No one disputes that Pablo Escobar was a murderer, a torturer, and a kidnapper. But he was loved by many in Medellín…

Ein geliebter Mörder? Wie passt das zusammen?

Venezuelas Präsident schwärmt von seiner Kryptowährung

Feb 22

Vor ein paar Tagen postete ich hier eine Notiz zur Ankündigung Venezuelas, eine eigene Kryptowährung auf den Markt zu bringen. Am Dienstag war es so weit: Der Petro ging in den Verkauf. Präsident Nicolás Maduro lobte den Start mit den blumigsten Worten: Staatschef Maduro stand im Präsidentenpalast Miraflores und erklärte überschwänglich – und wie erwartet

Warum Venezuela eine eigene Kryptowährung herausbring

Feb 18

Die meisten wollen nur noch weg: Wer Venezuela verlassen kann, geht, denn im Land selbst ist es für die meisten Menschen kaum noch möglich, sich mit dem Allernötigsten zu versorgen. Nahrungsmittel, Medikamente und andere Dinge des täglichen Bedarfs sind Mangelware. Viele Venezolaner hungern, viele finden ihre Nahrung auf dem Müll.

Es ist eine Flüchtlings-, Wirtschafts- und politische Krise, die in Deutschland kaum Beachtung findet. Die Nachbarländer Kolumbien und Brasilien haben kürzlich ihre Grenzkontrollen verstärkt, um Einreisende besser registrieren zu können und illegale Grenzübertritte zu verhindern. Alleine an einem Grenzübergang zwischen Kolumbien und Venezuela überqueren täglich, so wird berichtet, bis zu 37.000 Menschen die Grenze. Mehr als eine halbe Million Venezolaner leben demzufolge bereits in Kolumbien.

Nicht nur Oxfam: Wie Missbrauch unter Nothelfern normalisiert wird

Feb 18

In den vergangenen Tagen kamen Berichte ans Licht, denen zufolge Oxfam-Mitarbeiter von hilfsbedürftigen Frauen in Haiti und im Tschad Sex im Gegenzug für Nothilfe erpresst haben sollen. Auch Ärzte ohne Grenzen und das International Rescue Committee (IRC) berichteten von sexuellen Übergriffen durch eigene Mitarbeiter. In der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte über sexuellen Missbrauch und Ausbeutung durch UN-Blauhelmsoldaten im Einsatz.

Blauhelme, Nothelfer und Mitarbeiter von Entwicklungsorganisationen haben eins gemeinsam, sagt Kathleen Jennings, die zu sexuellem Missbrauch in UN-Friedensmissionen geforscht hat: Sie bewegen sich im Einsatz in einem „toxischen Umfeld“, dass den Missbrauch als etwas Normales darstellt: